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Economy feat. Ecology

Glashaus am Bodensee. © Anna Steiner

Kapitel 4: Jetzt mal ehrlich

Na, wie geht es euch heute? Gut? Und jetzt mal ehrlich? Wie oft werden wir gefragt, wie es uns geht: Im Deutschen – vielleicht aufgrund der Mentalität – noch eher selten. Andere Sprachen haben in der Begrüßung schon die Frage impliziert: Ca va? Hey, how are you? Es ist gar nicht so einfach, ehrlich zu antworten. Warum wir es trotzdem tun sollten.

Dass die eigentlich so essentielle Frage „wie geht’s?“ zur Floskel verkommen ist, finde ich persönlich furchtbar schade. Obwohl ich selbst auch mit der Vorstellung aufgewachsen bin, dass es einem nach außen eher gut zu gehen hat, finde ich, wir sollten viel öfter ehrlich auf diese Frage antworten. Ich habe mir das schon – und ab heute noch mehr – vorgenommen: Wenn es mir nicht gut geht, antworte ich „nicht gut“. Wenn es mir gut geht, sage ich bewusst: „Es geht mir gut, danke!“.

Das ist wichtig, wenn das Stigma endlich verschwinden soll, dass depressive Menschen immer traurig und gesunde Menschen immer fröhlich sind. Gar nicht so einfach, stelle ich fest – ganz wie dieses Projekt. Wer hat schon Lust, seine Psyche auszubreiten vor (womöglich fremden) anderen?

Die sozialen Netzwerke

Ein Blick in mein Instagram-Konto zeigt mir zwei Dinge: Erstens geht es der überwiegenden Mehrheit gut. Der eine hat gerade einen Marathon hinter sich und schwenkt stolz die Teilnehmermedaille vor seinem durchtrainierten Körper. Die andere postet ein „Be-Real“-Foto von sich im Bett – natürlich perfekt gestylt und so gar nicht eben erst aufgestanden. Wie oft ich den Hashtag #goodvibes finde – oder selbst verwende – will ich gar nicht mehr zählen. Überall auf Hochglanz polierte Profile – auf Reisen, beim Sport, der perfekt inszenierte Kaffee in der Herbstsonne.

Schokolade zum Frühstück auf Instagram. © Anna Steiner
Schokolade zum Frühstück auf Instagram. © Anna Steiner

Aber dann gibt es da zweitens auch noch eine kleine Gruppe, die immer größer wird. Die eine schreibt da über ihre Therapieerfolge und -misserfolge. Der andere über seine Ausgrenzung, weil er schwul und „nicht der Schönste“ ist und immer wieder dazwischen stoße ich auf Stories, in denen Leute sagen: Jetzt mal ehrlich – Hey, mir geht es heute nicht gut, weil…! Das bewundere ich – und hat mich letztlich auch veranlasst, mal zu sagen, was bei mir Sache ist.

Gerne wird über die „unsozialen“ Netzwerke geschimpft. Ich teile diese Einstellung nicht. Zum einen, weil ich tatsächlich Menschen dort kennen gelernt habe, mit denen ich mich gerne und regelmäßig austausche – sehr sozial. Zum anderen sind sie nur das, was man daraus macht. Und diese kleine, wachsende Gruppe der Ehrlich-Fraktion macht mir Hoffnung, dass die Netzwerke vielleicht sozialer sind, als wir denken.

Ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit

Wer mich nicht näher kennengelernt hat, sondern mehr oberflächlich freundschaftlich, der hat vermutlich das Bild einer zufriedenen Anfang-30erin im Kopf, die Grübchen hat, wenn sie lacht – was sie oft macht. Die aktiv ist und nicht ruhig sitzen kann, immer auf der Suche nach etwas Abwechslung und Aktivität. Die eine süße, kleine Wohnung hat und einen Job, der toll ist. Das ist auch okay so. Ich war auch lange genug jemand, der auf Instagram Fotos von Roadtrips gepostet hat und zehn Bilder vom selben Motiv geschossen hat, bevor es „schön genug“ war.

Allerdings habe ich nach den ersten Beiträgen meines NOvember-Projekts Nachrichten bekommen im Stil von: „Echt, duuu?“ und „Das hätte ich nicht gedacht.“ Als wäre es etwas Schlimmes, dass ich eine Depression habe. Sicher, schön ist es nicht, aber es ist doch irgendwie ein Teil von mir und somit „normal“.

Seitdem ich wahrhaftig auf mir gestellte Fragen antworte, erfahre ich vor allem eines: Mehr Entscheidungsspielraum. Es geht nicht darum, dass ich jedem auf die Nase binde, dass es mir schlecht geht und was alles besser laufen könnte in meinem Leben. Es geht darum, einfach mal „nicht gut“ zu antworten. Das Gegenüber bekommt dann die Gelegenheit, nachzufragen. Wenn er die Frage gar nicht ehrlich beantwortet haben wollte, kann er es auch einfach lassen Und ich wiederum kann mich entscheiden: Will ich mein Leid mit ihm oder ihr teilen, oder möchte ich nicht darüber reden? Denn selbst, wenn ich nicht darüber reden will, kann ich dennoch sagen, dass es mir nicht gut geht.

Damit gebe ich meinem Gesprächspartner auch die Gelegenheit, mich anders zu sehen. Denn: Wenn es mir nicht gut geht, heißt das noch nicht, dass ich keine Leistung erbringen kann. Oder dass ich ein schlechter Gesprächspartner in dem Moment wäre. Oder dass mit mir nichts anzufangen wäre. Im Gegenteil: Es kann mir nicht gut gehen und ich bin gerade bereit dazu, ein schönes Gespräch zu führen, das sich nicht um mich drehen muss. Ich kann dennoch meiner Arbeit nachgehen oder eine gute Zeit verbringen.

Ich finde es wichtig, dass wir durch die Ehrlichkeit in unseren Fragen und Antworten ein Stück weit aufhören, zu spekulieren. Es muss nicht immer allen gut gehen, auch nicht im Berufsalltag. Es kann auch mal ein schlechter Tag sein. Übrigens auch bei Menschen ohne Depression, ist ja klar.

Also, jetzt mal ehrlich: Wie geht es euch heute?

Disclaimer: Ich schreibe über meine persönlichen Erfahrungen und meinen ganz eigenen Umgang mit dieser Krankheit. Ich möchte den nicht den Eindruck einer Allgemeingültigkeit erwecken. Es geht um eine neue Sichtweise. – Wenn Du mal nicht mehr weiter weißt, wende dich an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.

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Anna Steiner • 14. November 2021


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