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Economy feat. Ecology

Das Leben kann schön sein. © Anna Steiner

Kapitel 3: Einsehen

Es kann viel wertvolle Zeit verstreichen, bis die Diagnose Depression gestellt wird. Und dann müssen die Betroffenen diese einsehen – und aktiv werden. Das ist oft gar nicht so einfach, wie ich selbst erfahren habe. Ich habe meine Krankheit inzwischen. Doch es war ein langer Weg. Davon möchte ich in Kapitel 3 gerne berichten, um anderen Betroffenen Mut zu machen, wie die nächsten Schritte aussehen können.

Ich war gerade frisch zuhause ausgezogen. Aus dem beschaulichen kleinen Städtchen in Oberschwaben zog ich endlich aus in die weite Welt, so dachte ich. Die erste eigene Wohnung, Studium und tausend neue Erfahrungen warteten auf mich. Das Studium ist doch laut so vielen Erzählungen „die beste Zeit des Lebens“. Ich weiß nicht, ob es an dem besonders grauen Herbst und Winter in der Uni lag, dem Gefühl der permanenten Überforderung, den Zweifeln, ob ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte oder schlicht daran, dass ich meine Eltern, die mich doch so viele Jahr genervt hatten (Verzeiht, ich war ein Teenager!), dann doch sehr vermisste. Jedenfalls fiel mir das Ankommen extrem schwer.

Im dritten Semester zog ich nach Frankreich, um dort ein Jahr zu studieren. Es war eine wahnsinnig aufregende Zeit und doch war ich unglücklich. Im Sommer hatte ich noch versucht, den Studiengang zu wechseln, doch ohne Erfolg. Mir kam vieles sinnlos vor und die Tage zogen sich – französischem Wein, Gauloises und gemeinsame Kochabende mit Kommilitonen und neuer Freundin zum Trotz. In mir machte sich Wut breit: Mein Leben war schön. Ich wusste um das Glück, mit dem ich gesegnet war. Dass meine Familie diese Studienerfahrungen ermöglichen konnte, dass es finanziell möglich war. Damit die anderen nichts merkten, versuchte ich stets die Fröhliche zu sein. In meiner Zweier-WG in Frankreich feierten wir eine Party nach der anderen – dem tauben, superlieben Nachbarn unter uns sei an dieser Stelle noch einmal von Herzen gedankt.

Nach meiner Rückkehr nach Regensburg wurde ich sehr krank, ich verbrachte längere Zeit im Krankenhaus und kämpfe seitdem mit chronischen Schmerzen. Es war schließlich meine Freundin, die mir den Impuls gab, mir Hilfe zu suchen. „Geh doch zu einem Therapeuten, du kannst einfach mit ihm reden“, sagte sie. „Er wertet nicht.“ Und wenn es mir am Ende nicht helfe, könne ich ja wieder fernbleiben.

Es folgten Dutzende Seiten von Fragebögen mit absurden Fragen, so schien mir. „Sind Sie oft traurig?“ – „Haben Sie Freunde? Hobbys?“ – „Gab es Streit in Ihrer Familie?“ – „Haben Sie einmal darüber nachgedacht, sich umzubringen?“ Ich antwortete nach besten Wissen und Gewissen, doch schüttelte ich insgeheim den Kopf über all die Fragen: Was für ein Quatsch. Ich war doch einfach nur ein bisschen betrübt. Die finale Diagnose sollte erst nach mehreren Therapeutenwechseln gestellt werden. Ich war inzwischen noch mehrere Mal umgezogen (Job und Studium, viele kennen das). Erst fünf Jahre später fand ich schließlich eine Therapeutin, die mir helfen konnte. Sie redete nicht mehr um den heißen Brei. Es ging nicht mehr um „traurige Phasen“ oder um „Motivation“. Sie sagte mir erstmals klipp und klar: „Sie sind depressiv. Das müssen sie akzeptieren.“ Nur wie?

Die Fragen kommen ganz automatisch: Stelle ich mich nur so an? Anderen geht es viel schlechter, warum kann ich nicht einfach glücklich sein? Das ist doch nur eine Mode-Erscheinung? Ist das überhaupt eine Krankheit? Inzwischen weiß ich: Nein, ich stelle mich nicht an. Wie es anderen geht, spielt keine Rolle für meine psychische Stimmung. Es ist keine Mode-Erscheinung. Und am wichtigsten: Ja, es ist eine Krankheit.

„…eine Depression im medizinischen Sinne ist etwas anderes als eine vorübergehende Phase der Niedergeschlagenheit und Unlust oder ein Stimmungstief, das bei fast jedem Menschen im Laufe des Lebens ein- oder mehrmals auftritt. Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht.“

Deutsche Depressionshilfe

Im Nachhinein betrachtet hätte die Diagnose deutlich schneller gestellt werden können – und ich hätte früher damit beginnen können, sie zu akzeptieren. Ich war sehr ausdauernd was die Hilfesuche anging: Ich habe mehrere Stellen aufgesucht. Ich war bei Psychologen, Therapeuten und Psychiatern. Wer denkt, dass er depressiv ist oder auch „nur“ eine länger anhaltende Phase durchmacht, in der er sich psychisch nicht wohlfühlt, sich essentielle und existenzielle Fragen stellt und vielleicht den viel beschrieben Antrieb verloren hat, sollte sich nicht scheuen, sich Hilfe zu holen: Sei es ein Anruf bei der Telefonseelsorge, der Besuch beim Hausarzt in Verbindung mit einem offenen Gespräch oder die Suche nach einem Therapieplatz.

Und fast noch wichtiger: Wenn der erste Ansprechpartner nicht die gewünschte Reaktion zeigt oder schlicht nicht hilfreich im Wortsinne ist, dann sucht euch einen zweiten und wenn es sein muss auch noch einen neunten anderen Ansprechpartner. Denn: Ihr müsst nicht alleine klarkommen. In meinem nächsten Beitrag soll es genau darum gehen: Wie man sich Hilfe suchen kann. Bis dahin: Haltet die Ohren steif!

Disclaimer: Ich schreibe über meine persönlichen Erfahrungen und meinen ganz eigenen Umgang mit dieser Krankheit. Ich möchte den nicht den Eindruck einer Allgemeingültigkeit erwecken. Es geht um eine neue Sichtweise. – Wenn Du mal nicht mehr weiter weißt, wende dich an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.

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Anna Steiner • 7. November 2021


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