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Murmelgedanken.

Kapitel 2: Murmelgedanken

Das übliche Bild, dass viele von uns vor Augen haben, wenn sie an Depressionen denken, ist das eines Menschen, der sich – zusammengerollt unter seiner Bettdecke – nicht traut, den Rollladen zu öffnen oder auch nur den Kopf unter der Decke hervorzustrecken. Das muss aber nicht sein – was Murmeln damit zu tun haben. Ein paar Murmelgedanken.

Ich möchte mein Projekt dazu nutzen, Mut zu machen und zu zeigen, was trotz Depression möglich ist. Wer meinen ersten Beitrag zum Thema gelesen hat: Es geht um die grauen Tage zwischen den blauen Tagen. Jeder kennt solche Tage, an denen man am liebsten nicht aufstehen möchte – meist weil etwas ansteht, dem man sich nicht gewachsen fühlt. Bei einer Depression treten diese „grauen Tage“ häufiger auf und manchmal auch tagelang.

Was das Umfeld oft nur schwer verstehen kann: Es braucht keinen Auslöser für diese sogenannten Tiefs. Es muss kein schlechter Traum gewesen sein, der einen nachts nicht schlafen ließ. Es muss kein Termin anstehen, den man nicht wahrnehmen möchte. Und es liegt auch nicht am – wie derzeit im November oft – grauen Wetter. Die Tage kommen einfach. Das Gute ist: Sie gehen auch wieder. Und mit ein wenig Hilfe gehen sie schneller.

Natürlich gibt es sogenannte „Trigger“, die eine depressive Verstimmung hervorrufen können. Etwa ein Jahrestag, die Äußerung eines Mitmenschen und manchmal auch einfach nur die Erinnerung an ein Erlebnis. Ich habe für solche grauen Tage eine Methode für mich entdeckt, die mir in der Vergangenheit schon oft geholfen hat. Besonders dann, wenn gerade niemand da war, der eine Strickleiter in meinen dunkles Loch werfen und mich da rausholen konnte.

Meine Murmelmethode

An Tagen, an denen alles schwarz ist, suche ich mir bewusst kleine Dinge, die mich freuen. Als kleines Mädchen hatte ich ungekochte Reiskörner in meiner Hosentasche. Immer, wenn etwas Gutes an diesem Tag passiert ist, habe ich ein Reiskorn von meiner linken in meine rechte Hosentasche gesteckt. Das mussten keine riesigen Erlebnisse sein. Manchmal reichte es, wenn jemand mich über die Straße gehen hat lassen. Manchmal war es einfach nur ein nettes Lächeln von einem Verkäufer. Oder ein leckeres Essen.

Abends vor dem Schlafengehen, wenn ich in meinen Schlafanzug geschlüpft bin, hab ich meine rechte Hosentasche geleert. Es waren immer viele Reiskörner darin. Bei jedem habe ich mir überlegt, welche Situation mich veranlasst hatte, das Reiskorn von der linken in die rechte Tasche zu stecken. Meist konnte ich dann mit einem positiven Gefühl einschlafen.

Heute habe ich zwei kleine Schälchen mit bunten Glasmurmeln auf meinem Schreibtisch und in der Küche stehen. Auch im Büro habe ich normalerweise immer Murmeln dabei. Die Murmeln ersetzen die Reiskörner. Das hat neben optischen auch praktische Gründe: Wer ständig Reiskörner in der Waschmaschine findet, hat keinen Spaß.

Inzwischen weiß ich auch, dass mir der November stets zu schaffen macht: Der goldene und oft noch mit warmen Tagen gespickte Oktober ist vorbei und Weihnachten noch weit entfernt. Für diese dunkle Jahreszeit schreibe ich mir daher gerne sogenannte Murmellisten. Natürlich haben wir im Prinzip alle genug zu tun. Aber diese Art der To-Do-Liste lohnt sich.

Ich sammle Dinge, die ich gerne unternehmen möchte. Etwa einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in Mainz oder auf dem Parkhausmarkt in Frankfurt, einen Einkauf in einem großen Supermarkt (was mir immer viel Freude macht). Ich nehme mir vor, wieder einmal zu malen und laufen zu gehen oder liste eine Verabredung mit einer Freundin oder einem Freund bewusst auf. Ich illustriere die Liste und hänge sie an meinen Kühlschrank. Wann immer ich Zeit habe, versuche ich, eine der Aktivitäten darauf wahrzumachen und hake sie danach ab. An Tagen, an denen meine Laune zu wünschen übrig lässt, werfe ich einen Blick auf die Liste und stelle meist fest: Hey, so langweilig und doof ist das alles ja gar nicht, ich hab schon richtig viel gemacht.

Disclaimer: Ich schreibe über meine persönlichen Erfahrungen und meinen ganz eigenen Umgang mit dieser Krankheit. Ich möchte den nicht den Eindruck einer Allgemeingültigkeit erwecken. Es geht um eine neue Sichtweise. – Wenn Du mal nicht mehr weiter weißt, wende dich an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.

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Anna Steiner • 3. November 2021


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